Kirchenmusik
Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit
Wenn Kooperationen gelingen…
Für ein außergewöhnliches Projekt haben sich der Jugendchor der Chorsingschule am Rheingauer Dom und das vokalEMSemble des St.-Martins-Chores Bad Ems in der Fastenzeit zusammengefunden. Das Ergebnis waren zwei Konzerte, die insbesondere durch geistige und theologische Tiefe überzeugten und die Zuhörenden emotional in der individuellen Ansprache erreichte.
Ungewöhnlich erschienen zunächst manche Konstellationen des Projekts: Vom Altersunterschied zwischen den SängerInnen der Ensembles über den Fakt, dass Jugendliche sich für Alte Musik begeistern, bis hin zur Kombination moderner improvisatorischer Clusterklänge mit klaren barocken Formen.
Eventuelle Bedenken oder Herausforderungen stellten sich schon in den Proben schnell als ergänzende Symbiosen heraus. Im Konkreten sind dies beispielsweise die Verbindung erfahrener und klangvoller Stimmen mit denen, welche sich durch jugendliche Klarheit und Leichtigkeit auszeichnen, oder der Gegensatz zwischen raumergreifenden Klangwolken der Chorimprovisationen von Knut Nystedts „Immortal Bach“ sowie Eric Ericsons „O bone Jesu“, welches auf einem Chorsatz von Marc‘ Antonio Ingegneri basiert, und der in Musik gefassten theologischen Auslegung der Melodien von Johann Sebastian Bach.
Hochkarätig war das Barock-Instrumentalensemble besetzt, welches die Chor- und Solo-Partien einfühlsam zu begleiten wusste. Mit Sofia Diniz und Prof. Rainer Zipperling an den Gamben war ein unverkennbarer barocker Charme in der Besetzung und dem Klang gesetzt. Dieser prägte zudem mit zwei Instrumentalwerken von Johann Sebastian Bach im ersten Teil des Konzertes den Wechsel zwischen instrumentalen und chorischen Werken.
Vielfältig kamen Sophie Berke und Dina Grossmann als Blockflötistinnen zum Einsatz: Verspielt im Duo, verschmelzend im Unisono und einfühlsam im Zusammenspiel des Instrumentalensembles und in der Begleitung des Chores. Am Barockcello war Sophie Herr vertreten, die Truhenorgel wurde von Florian Brachtendorf gespielt. Gemeinsam wurden sie dem Basso Continuo der Musik aus dem Generalbassalter gerecht und boten so das klangliche Fundament.
Eine besondere klangliche Note verlieh Katharina Wimmer dem Programm an der Barockvioline. Virtuos, komplex und facettenreich zeigte sie ihr Können in der Ciaconna d-Moll von Johann Sebastian Bach. Dies war für das Publikum ein seltenes Erlebnis, da der Chor, dem „Morimur-Projekt“ von 2001 folgend, Choralzeilen aus Bachs Kantaten singend einbrachte, was einer musikalischen Erzählung des Lebens Jesu und einer Zusammenfassung unserer Christlichen Glaubensgrundsätze gleicht.
Mit dem Titel „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ befassten sich alle Werke mit der Vergänglichkeit des Menschen, der Hoffnung auf ein himmlisches Leben nach dem Tod und seiner Beziehung zu Gott. Lautmalerisch fügte sich die „Sonnerie“ von Marin Marais vom Barockensensemble in das Programm, welche im musikalischen Material auf das Geläut von Saint Genèvieve du Mont-du-Paris zurückgreift. Der beständig durchlaufende Ground wirkt mal als Ruf des Menschen zu Gott als auch umgekehrt, lässt einen dann wieder in ein gebanntes lauschendes Meditieren verfallen.
Mit der titelgebenden Kantate, die auch als „Actus tragicus“ bekannt ist, beschlossen die MusikerInnen das Konzert. Die Musizierenden bewiesen kunstvoll, dass sie längere Phrasen und große Satzverbindungen durch natürliche und dramaturgisch abgestimmte Übergänge zu einem Sinn zusammenfassen können, ohne dabei die Aufmerksamkeit auf eine feine Ausgestaltung z. B. der Motivik zu vernachlässigen. Empathisch und sensibel brachten die Solisten des vokalEMSembles Jonathan Filipe Fialho, Pascal Peil, Matthias Böhnke, Melanie Müller, Ramona Schmöker und Silke Simmer ihre Partien zu Gehör, sodass im Gesamten das Publikum ergriffen und begeistert in die Fastenzeit geführt wurde.
Für die Regionalkantoren Florian Brachtendorf und Jan Martin Chrost, die sich die Künstlerische Leitung teilten, war es eine Freude, dieses besondere Programm gleich zwei Mal in Geisenheim sowie in Bad Ems aufführen zu dürfen. So bleiben mit diesem Projekt im Nachhinein nicht nur schöne Musik, freudige Begegnungen und tiefe Ergriffenheit im Glauben, sondern auch ein beispielhaftes Zusammenwirken, welches das Potential der Kirchenmusik in der Gemeindearbeit zeigt und auf eine vielversprechende musikalische Zukunft hoffen lässt.